Die Olympischen Spiele in der Antike

Die Wiedererlebung der Olympischen Spiele

Schwarz-weiß Fotografie von Baron de Coubertin. Er blickt direkt in die Kamera und hat die Hände in die Taschen seines Jackets gesteckt. Neben einer farblich passenden Hose trägt er zudem eine Este, ein weißes Hemd und eine Krawatte. Die Haare sind in einen leichten Seitenscheitel gelegt.
Pierre de Fredy, Baron de Coubertin (1863–1937). Gründer der modernen Olympischen Spiele, Foto von 1896 (Foto: akg-images / IMAGNO / Votava).

Der Baron Pierre de Coubertin (1. Januar 1863 in Paris − 2. September 1937 in Genf), ein französischer Lehrer aus aristokra­tischer Familie, wurde in der Geschichte als Begründer der modernen Olympischen Spiele berühmt. Berührt von der Härte des Deutsch-Französischen Krieges von 1870[31] überzeugte ihn sein Besuch amerikanischer und englischer Universitäten, dass eine Verbes­serung der Erziehung notwendig sei. Die sollte zum großen Teil von der sportlichen Erziehung übernommen werden, einem wichtigen Teil der Persönlichkeitsentwicklung eines jungen Menschen, und schließlich eine Ideologie des Krieges durch eine des Friedens ersetzen. Nicht zufällig war Coubertin auch als Re­former der französischen Pfadfinderbewegung bekannt. Insbesondere hatte er einen interna­tionalen Wettbewerb zur Förderung der Athle­tik erdacht, auch in Anbetracht des wachsen­den Interesses für die antiken Olympischen Spiele, das durch die laufenden Ausgrabungen in Olympia wiederbelebt worden war.

Die offizielle Ankündigung für die Wie­deraufnahme der antiken Olympischen Spiele wurde von ihm 1894 an der Sorbonne in Pa­ris anlässlich eines internationalen Kongresses bekannt gegeben. Dabei wurde ein Internati­onales Olympisches Komitee (IOK) gegrün­det, und man beschloss, dass 1896 die ersten modernen Olympischen Spiele in Griechen­land, im wiederaufgebauten antiken Stadion in Athen, stattfinden sollten (Abb. 29). Diese waren ein voller Erfolg. Professionelle Athleten waren ausgeschlossen. Im weiteren Verlauf wurden diese Spiele das wichtigste Sportereignis der Welt.

Coubertin blieb Ehrenpräsident bis zu sei­nem Tod in Genf 1937. Er wurde in Lausanne, dem Sitz des IOK, begraben, aber sein Herz ruht in einem Denkmal in der Nähe der Rui­nen des antiken Olympia.

Die Pierre-de-Coubertin-Medaille vergibt das IOK als Anerkennung den Athleten, die außerordentliche Fairness während der Spiele bewiesen haben. Vielen Sportlern bedeutet sie mehr als eine Goldmedaille. Außer dem IOK gibt es noch das International Pierre de Cou­bertin Committee (CIPC), dass die Verbrei­tung der olympischen Kultur zum Ziel hat, indem es die edukative Bedeutung mittels pä­dagogischer Projekte einbezieht sowohl im Be­reich der Jugend als auch in den Zentren der hochspezialisierten verschiedenen Sportarten.

Die Rede des Baron Pierre de Coubertin

Die Rede von Baron Pierre de Coubertin wurde 1894 vor der Sorbonne zur Wiederaufnahme der Olympischen Spiele gehalten.[32]

Die Wiederaufnahme der Olympischen Spiele

Leibesübungen kennen in der modernen Welt drei Metropolen: Berlin, Stock­holm und London. Dort sind, aus den Zeitläuften heraus oder aus Zufall, drei Systeme entstanden, die sich in ihrer Ausrichtung wie in ihrer Vorgehensweise grundlegend voneinander unterscheiden. Drei Begriffe können sie zusammenfassen: Krieg, Hygiene, Sport. Zu dem Zeitpunkt, an dem sich an der Sorbonne der Internationale Kongress zusammenfindet, um die Wiederaufnahme der Olympischen Spiele vorzubereiten, ist es nicht uninter­essant, sich zügig den Zustand der allge­meinen Athletik zu vergegenwärtigen. Unser Jahrhundert, dessen Beginn von solch blutigen Auseinandersetzungen gezeichnet war und das sich jetzt in einem unruhigen und ungewissen Frieden zu Ende neigt, folgte auf eine Epoche großer intellektueller Leistungen wie auch wah­rer körperlicher Trägheit. Man könnte vielleicht Grund haben, gerade in die­sem, zu sehr in Vergessenheit geratenen Gegensatz die entlegenen Ursachen für eine Reihe von Ungleichgewichten zu su­chen, an denen wir heute leiden. Aber dies fällt nicht in unser Ressort. Wir begnügen uns, hier festzustellen, dass gegen Ende des 18. Jahrhunderts allenthalben anstrengende Leibesübungen wie mann­hafte Spiele aus der Mode kamen und die Männer anderswo Zerstreuung und Ver­gnügen suchen sollten.

[…] Dieser rasche Überblick könnte sehr gut mit einer zahlenmäßigen Aufstellung derjenigen jungen Männer abgerundet werden, die unter dem Banner der Athle­tik stehen. Die absolute Zahl wäre zwei­fellos sehr vielsagend, aber die Daten zu deren exakter Erfassung Hegen uns nicht vor. Diese Ziffer dürfte auf jeden Fall nicht unter zwei Millionen liegen, eine Schät­zung, für die die Zahl der eingetragenen Clubs mit einer durchschnittlichen Zahl an Mitgliedern multipliziert wurde, die, um der Wahrscheinlichkeit willen, recht nied­rig angesetzt wurde. Es handelt sich um diese weltweite Jugend, deren Repräsen­tanten es gilt, in regelmäßigen Zeitabstän­den auf dem friedlichsten der Schlacht­felder zusammenzubringen, auf dem Feld der Spiele. Alle vier Jahre würde auf diese Weise das zwanzigste Jahrhundert sehen, wie sich seine Kinder unweit der großen Welthauptstädte im Wechsel versammel­ten, um sich dort, im Wetteifer um den symbolischen Siegeszweig, an Kraft wie an Geschicklichkeit zu messen. Ach, viel­leicht haben wir noch viele Hindernisse zu überwinden, um dorthin zu gelangen. Denn es gibt, wie wir gesehen haben, Sit­ten, Traditionen, Instinkte der Völker und all diese Besonderheiten, die die Sportausübung aus dem Klima, der Gesetzgebung, den Zeitläuften ableitet … Aber vermerken sie wohl, dass von alledem nicht Abschied genommen werden muss: Es geht allein darum, hie und da, verschiedene kleine Zugeständnisse zu machen und dem In­ternationalen Komitee etwas von seinem guten Willen zu beweisen, das dieses große Unterfangen angehen und versuchen wird, es innerhalb von sechs Jahren erfolgreich durchzuführen.

Modern, sehr modern werden diese wieder­aufgenommenen Olympischen Spiele sein: Es kommt hier nicht in Frage, sich in rosa Trikots zu kleiden, um dann in ei­nem Stadion aus Pappe zu rennen; und diejenigen, die bereits Prozessionszüge in Weiß irgendeinen heiligen Hügel feierlich und unter Begleitung der wiederentdeck­ten Klänge des Hymnus an Apollon em­porsteigen sehen, haben ihre Phantasie umsonst vergeudet. Keinerlei Dreifüße, kein Weihrauch: Diese schönen Dinge sind tot und tote Dinge leben nicht wieder auf; einzig die Idee kann Wiederaufleben, angepasst an die Bedürfnisse und die Vorlieben unseres Jahrhunderts. Aus dem Altertum beabsichtigen wir nur eine ein­zige Sache wiederaufzunehmen, den olympischen Frieden, den heiligen olym­pischen Frieden! … in den die griechischen Völker einwilligten, um die Jugend und die Zukunft zu bewundern.

Übersetzung aus dem Französischen von Florian Stilp

Die olympische Fackel

Die olympische Fackel ist heute ein funda­mentales Symbol der Spiele. Sie hat ihren Ursprung im antiken Fackellauf (lampadodromia), bei dem Jungen und Mädchen − oft als Stafette − bei religiösen Festen das heilige Feuer trugen. Die Hauptsache bestand darin, als erster ohne Erlöschen der Flamme anzukommen.

Japanischer Fackelläufer während der Olympischen Spiele in Tokio. Der Mann läuft die weißen Stufen zur Feuerschale empor. In seiner rechten Hand hält er die Fackel. Er trägt ein weißes Sporttop mit einem roten Kreis, die Farben von Japan, und eine kurze Sporthose.
Links und rechts der Stufen sitzen die Zuschauer.
Fackelläufer während der Olympischen Spiele 1964 in Tokio (Foto: Umberto Pappalardo)

1928 wurde der Brauch des Olympischen Feuer in Amsterdam erstmals eingeführt – aber noch ohne feierliche Entzündung und ohne Fackellauf. Den ersten Fackellauf gab es 1936 von Olympia nach Berlin. Beides macht bis heute einen wichtigen Teil der Zeremonien der modernen Olympischen Spiele aus.

Seit 1960 wird das Feuer viele Monate vor der Eröffnungszeremonie der Spiele in Olympia entzündet. Elf Priesterinnen, von Schauspielerinnen dargestellt, entzünden mit Hilfe eines Parabolspiegels aus den Sonnenstrahlen die Fa­ckel. Diese wird dann von den Stafettenläufern in die Stadt getragen, in der die Spiele ausgetragen werden. Traditionsgemäß ist der erste Läufer ein Grieche. Normalerweise sind die Fackelläufer zu Fuß unterwegs, aber auch mit dem Flugzeug oder dem Schiff, wenn es nötig ist. Zu den Läufern gehören Athleten, manchmal auch bedeutende, im allgemeinen aber unbekannte Personen.

Die Stafette endet am Tag der Eröffnungs­feier im Hauptstadion. Der letzte Fackelträger bleibt oft bis zum letzten Moment geheim, aber gewöhnlich ist es ein bekannter Sportler des gastgebenden Landes. Er ent­zündet mit der Flamme der Fackel die Feuer­schale. Die Flamme lodert dann während der gesamten Zeit der Spiele und wird in der Ab­schlussfeier gelöscht.


Die Autoren

Foto von Masanori Aoyagi neben einer Statue aus Bronze.

Masanori Aoyagi ist Präsident der Cultural and Education Commission for the Olympic Games in Tokio 2020. Er ist Professor emeritus der Universität von Tokio, Mitglied der Japan Academy, Vize-Präsident der Union Academique Internationale, ehemaliger Commissioner of Cultural Affaires of Japan, ehemaliger Präsident der National Institution Museums of Arts, ehemaliger Generaldirektor des National Museum of Western Art.

Er hat über 120 wissenschaftliche Publi­kationen herausgegeben, viele sind in die wichtigsten Sprachen der Welt übertragen worden. Er hat Ausgrabungen auf Sizilien und in Pompeji geleitet und zur Zeit betreut er das Grabungsprojekt der Villa Romana di Somma Vesuviana (Neapel).

Foto von Umberto Pappalardo.

Umberto Pappalardo ist Direktor des Centro Internazionale Studi Pompeiani. Er war Ispettore degli Scavi di Pompei und Direttore degli Scavi di Ercolano. Er lehrt an der Universität Suor Orsola Benincasa di Napoli und am Institut Superieur des Sciences Humaines de l‘Universite El Manar de Tunis. Er hat mit den Universitäten von Basel, Tübingen, Freiburg i. Br., Tel Aviv, Fribourg in der Schweiz, Bue­nos Aires und Tokio zusammengearbeitet.

Er ist Mitglied der Alexander von Humboldt-Stiftung, des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin, der Scuola Archeologica Italiana di Atene und Ehren­mitglied der Scuola Archeologica Italiana di Cartagine. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Publi­kationen herausgegeben, viele davon wurden ins Deutsche, Französische, Englische, Neu­griechische, Dänische, Chinesische und Ja­panische übersetzt.

Weiterführende Literatur

Umberto PAPPALARDO – Masanori AOYAGI, Zu Ehren des Zeus. Die Olympischen Spiele (2019).
Donald G. KYLE, Sport and Spectacle in the Ancient World (2006).
Nigel SPIVEY, The Ancient Olympics (2005).
Michael B. POLIAKOFF, Kampfsport in der Antike. Das Spiel um Leben und Tod (2004).
Ulrich SINN, Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst (2004).