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Latein. Tot oder lebendig!?

13. Mai 2022 8. Januar 2023

Medienvielfalt und Kleingruppenarbeit im 2. Jahrhundert? Antike Unterrichtspraxis vermittelt das Neumagener Schulrelief: Während zwei ältere Schüler in Schriftrollen lesen, trägt ein jüngerer Knabe Wachstafeln herbei, auf denen das Schreiben geübt wurde. Neumagener Schulrelief (Replik), Original: Neumagen-Dhron, 180-200 n. Chr. (Lichtenau, Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur. Foto: Ansgar Hoffmann, www.hoffmannfoto.de).

Dass die Sprache Latein noch nicht am Ende ist, zeigt seit dem 13. Mai die neue Sonderausstellung „Latein. Tot oder lebendig!?“ im LWL-Landesmuseum für Klosterkultur, Stiftung Kloster Dalheim in Lichtenau-Dalheim (Kreis Paderborn). „Die Schau blickt auf über 2.000 Jahre Sprachgeschichte und fragt nach der heutigen Relevanz einer vermeintlich toten Sprache“, so Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger, Kulturdezernentin des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und Vorsitzende des Vorstands der Stiftung Kloster Dalheim.

Gezeigt werden bis 8. Januar 2023 auf 600 Quadratmetern rund 200 Exponate nationaler und internationaler Leihgeber. Von Cicero über Hildegard von Bingen und Erasmus von Rotterdam bis zu Asterix – elf Biografien erzählen im ehemaligen Kloster Dalheim vom Aufstieg und Fall des Lateinischen. Ausstellungsgäste treffen hier auf alte Römer, progressive Prophetinnen und revolutionäre Entdecker, laufen durch einen Supermarkt und begegnen wegweisenden Dichterinnen, widerspenstigen Galliern und leidenschaftlichen „Latin Lovers“.

Elf Geschichten, eine Sprache

„Wer heute Latein hört, denkt vielleicht an die Römer, an Vergils Weisheiten und an den Wohlklang der Verse Ovids, vielleicht aber auch eher an verstaubte Bücher, lustige und zugleich schreckliche Schulerlebnisse und natürlich an das Klischee einer toten Sprache“, sagte Rüschoff-Parzinger am Mittwoch (11.5.) in Lichtenau-Dalheim. „Mit der Ausstellung stellen wir den steten Bedeutungswandel der Sprache in der europäischen Kultur- und Bildungsgeschichte in den Fokus. Gleichzeitig wollen wir zeigen, wie Latein unseren Alltag immer noch prägt.“
Anhand von elf Biografien, die die Entwicklung der Sprache widerspiegeln, zeichnet die Dalheimer Ausstellung 2.100 Jahre bewegte Sprachgeschichte nach. Latein war nicht nur über Jahrhunderte die Sprache der Klöster und Ordensleute sowie der Geistlichen und der Liturgie. Neben dem Griechischen war es Verkehrssprache des Römischen Reiches und „lingua franca“ in weiten Teilen Europas.

Autoren wie Cicero oder Horaz prägten das klassische Latein. In der karolingischen Zeit unter Karl dem Großen entwickelte sich das mittelalterliche Latein zur „Sprache ohne Volk“ und zum Verständigungsmittel der Gebildeten. Im Zeitalter der Renaissance und des Humanismus erlebte das Lateinische einen letzten Höhepunkt, ehe es die Nationalsprachen in der jüngeren Geschichte nahezu verdrängten.

Eine Themeneinheit, die dem Theologen und Lehrer Johann Amos Comenius gewidmet ist, geht dabei auch auf die Genese des Lateinunterrichts ein, die eng an die wechselvolle Sprachgeschichte gebunden ist.

Rüschoff-Parzinger: „Der Blick in die Geschichte zeigt: Als Kirchen- und Gelehrtensprache prägte Latein jahrhundertelang die Kultur Europas. Als Schriftsprache des Kontinents übermittelte es das geistige Erbe von Jahrhunderten – Latein gehört zur DNS unserer heutigen Kultur und hat eine völkerverbindende Funktion. Die Ausstellung regt Besucherinnen und Besucher zu einer ganz persönlichen Auseinandersetzung mit der ‚Muttersprache Europas‘ an. Zusammen mit dem angebotenen Rahmenprogramm ist sie ein Beispiel für den lebendigen Lernort Museum,“ erläutert Rüschoff-Parzinger.

Latein heute

Im Zeitalter der Weltsprache Englisch wird Latein oft für tot erklärt und gilt als berüchtigter Schülerschreck. Dabei steckt im modernen Alltag noch mehr Latein, als das übliche „carpe diem“ (lat.: nutze den Tag). In der Schule lernt man addieren (von addere, lat.: hinzufügen) und subtrahieren (von subtrahere, lat.: wegziehen), Produkte wie „Labello“ (von labium bellum, lat.: schöne Lippe) pflegen die Lippen oder schützen den Schlaf wie „Ohropax“ (von pax, lat.: Friede).

Latein ist die dritthäufigste Fremdsprache an deutschen Schulen und Voraussetzung für zahlreiche Studiengänge. Rundfunk- und Fernsehstationen bieten Sendungen in lateinischer Sprache an. Regelmäßig erscheinen Latein-Lexika mit Wortneuschöpfungen aus der Gegenwart. Der Papst twittert auf Latein, und neben zahlreichen Filmen und Computerspielen sind es vor allem die bekannten Geschichten von Asterix und Obelix und auch die Abenteuer von Harrius Potter, die zeigen, dass Latein Teil der Popkultur geworden ist.

Zweisprachigkeit und lateinische Sinnlichkeit

„Die Frage nach der Lebendigkeit von Latein definiert sich vor allem durch den Gebrauch“, erläutert Museumsdirektor Dr. Ingo Grabowsky. „Und dieser ist, wie die Ausstellung zeigt, seit der Antike ungebrochen.“ Das beweise auch die Aufmachung der Sonderausstellung, denn diese ist komplett zweisprachig: Der Audioguide, die Exponattexte und Erklärfilme stehen sowohl auf Deutsch als auch auf Latein zur Verfügung. Auszüge aus Texten von Cicero und Horaz lassen erahnen, wie Latein einmal geklungen hat, und die Ausstellungsgestaltung entführt unter anderem in das antike Rom. „Damit erhalten Museumsgäste ein volles Latein-Erlebnis“, so Grabowsky. Auch werde der ästhetische Wert der Sprache vermittelt.

Exponate

Rund 200 Exponate aus renommierten internationalen Museen, Bibliotheken, Archiven und von Privatleihgeber:innen geben Ausstellungsgästen Einblicke in die über 2.000 jährige Sprachgeschichte. Ihr Spektrum reicht dabei von wertvollen mittelalterlichen Handschriften, Alltagsgegenständen aus der Antike bis hin zu einem „Strafesel“ oder Harry Potters Flugbesen. „Besonders freue ich mich, dass wir das älteste Fragment einer lateinischen Bibel-Übersetzung des Hieronymus aus dem 5. Jahrhundert als Leihgabe von der Stiftsbibliothek St. Gallen für die Sonderausstellung bekommen haben“, so die Ausstellungs-Projektleiterin Carolin Mischer. „Das Exponat bezeugt einerseits die Bedeutung des Lateinischen als Kirchensprache und verweist zugleich auf die tragende Rolle, die Klöster als Bewahrer und aktive Nutzer der antiken Sprache inne hatten.“

Älteste lateinische Bibelübersetzung: Unter den zahlreichen Exponaten zeigt die Ausstellung auch Fragmente einer 1.600 Jahren alten Vulgata Version. Handschrift: Vulgata-Doppelseite um 410/20, Stiftsbibliothek, St. Gallen/Schweiz. Foto: St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 1395, p. 51f. – Veterum Fragmentorum Manuscriptis Codicibus detractorum collectio Tom. II.

Gezeigt werden zum Beispiel ein Dolch aus dem Privatbesitz des Erasmus von Rotterdam, die Dramensammlung einer der ersten deutschen Latein-Dichterinnen und Exponate aus dem Lateinunterricht erster Stunde wie ein über 1.000 Jahre altes Schülerheft. Ebenfalls zu sehen sind ein lateinischer Briefwechsel mit dem Politiker Franz Josef Strauß und Objekte aus der jüngeren Populärkultur, darunter eine lateinische „BRAVO“ – inklusive Dr. Sommer-Seite, oder die Originalzeichnung eines Asterix-Comics aus der Bibliothèque nationale de France in Paris.

Podcast

„Um neue Besuchergruppen für diese wichtige Ausstellung zu begeistern, geht das Kloster Dalheim neue Wege“, berichtete Museumsdirektor Grabowksy: „Das LWL-Landesmuseum für Klosterkultur hat eigens zur Sonderausstellung einen Podcast entwickelt.“ Unter dem Titel „Hocus, locus, jocus“ – eine Anspielung auf das „Juristenlatein“ aus einem Donald Duck-Comic – berichtet der Podcast über redegewandte Lateinmörder, waschechte „Latin Lovers“ und spinnende Römer.

In 15-minütigen Folgen nimmt der Journalist Lars Faulenbach Hörerinnen und Hörer mit auf die Spurensuche des Lateinischen in der Gegenwart. Dabei erklärt er, warum Latein hilft, sich in Westfalen zurechtzufinden, auf falsche Juristen nicht hereinzufallen und die klassische Kunst des Liebens zu erlernen.
Der Podcast ist auf allen gängigen Streaming-Plattformen und auf der Homepage des Museums verfügbar.

„Nicht tot, sondern unsterblich“

„Die vielfältige Geschichte des Lateinischen zeugt vor allem von der Wandlungsfähigkeit der Sprache“, konstatierte Grabowsky. „Und das nicht in seinen grammatischen Strukturen, denn die sind seit Cicero so gut wie unverändert, sondern in seiner Funktion“, so Grabowsky weiter. Aus der Kirchen-, Welt- und Gelehrtensprache wurde ab dem 15. Jahrhundert eine allgemeine Bildungssprache.

Dabei sah sich das Lateinische immer wieder Krisen ausgesetzt. Geistliche wie Augustinus von Hippo oder die Stiftsdame und Dichterin Hrotsvit von Gandersheim diskutierten die Frage, ob das klassische, heidnische Latein als Vorbild für christliche Texte dienen könne. Seit der aufkommenden Verschriftlichung der Nationalsprachen, die im 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt erfährt, steht die Frage nach dem Zweck der Sprache immer wieder im Vordergrund. Der Nationalismus des 19. Jahrhunderts versetzte dem aktiven Sprachgebrauch des Lateinischen in der Schule einen letzten „Todesstoß“.

Gleichzeitig griffen Herrscher wie Karl der Große und Gelehrte wie Francesco Petrarca oder Erasmus von Rotterdam immer wieder auf die antike Sprache zurück, wenn sie kulturelle und sprachliche Reformen forderten, und belebten dadurch das Lateinische aufs Neue.

„Der Einfluss des Lateinischen auf die noch lebenden Sprachen sowie die europäische Kultur ist maßgebend“, sagte Grabowsky „In Zeiten stärker werdender nationalistischer und populistischer Bewegungen ist in diesem Zusammenhang auch die völkerverbindende Funktion als gemeinsame europäische Basis hervorzuheben.“

Förderer, Beirat, Kooperation

„Die Schau zeigt, dass die antike Sprache noch längst nicht verstummt ist, “ so Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung. „Wir freuen uns daher die Ausstellung zu diesem kulturhistorisch wichtigen Thema unterstützen zu können.“
Weitere Förderer der Schau im Kloster Dalheim sind die LWL-Kulturstiftung, die Rudolf-August-Oetker-Stiftung, die Kulturstiftung der Westfälischen Provinzial Versicherung, die Friede Springer Stiftung und die Stiftung der Sparkasse Paderborn-Detmold für den Kreis Paderborn.

Ein wissenschaftlicher Beirat, bestehend aus ausgewiesenen Fachleuten aus Philologie, Geschichtswissenschaften und Museumspraxis, begleitet die Sonderausstellung „Latein. Tot oder lebendig!?“.

In Zusammenarbeit mit dem LWL-Landesmuseum für Klosterkultur erarbeiteten Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Jahrgangsstufen des Gymnasiums Theodorianum in Paderborn für die Dalheimer Schau Quizfragen, erstellten kurze Videoclips in lateinischer und deutscher Sprache für interaktive Medienstationen und gestalteten ein lateinisches Bildwörterbuch.

Freier Eintritt für Kinder und Jugendliche
Kinder und Jugendliche haben freien Eintritt in alle Museen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe.

Sonderausstellung „Latein. Tot oder lebendig!?“
Laufzeit: 13. Mai 2022 – 8. Januar 2023
Öffnungszeit: täglich außer montags 10-18 Uhr
ganzjährig geöffnet außer 24., 25. und 31.12.

Eintrittspreise
Erwachsene: 10 Euro, ermäßigt: 5 Euro
Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre: Eintritt frei
Gruppen ab 16 P.: 8 Euro p.P.
Gruppenführungen ab 45 Euro

Kontakt
Stiftung Kloster Dalheim. LWL-Landesmuseum für Klosterkultur
Am Kloster 9, 33165 Lichtenau-Dalheim

https://www.stiftung-kloster-dalheim.lwl.org/de/
kloster-dalheim@lwl.org

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