Ephesos – Über 1400 Jahre alter Stadtteil unter Brandschicht entdeckt

Das Grabungsareal am Domitiansplatz in Ephesos, links die angrenzende obere Agora, rechts die Kuretenstraße (© ÖAW-ÖAI/Niki Gail).

Bei Ausgrabungen in Ephesos gelang ein Sensationsfund: Archäolog:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften konnten ein frühbyzantinisches Geschäfts- und Lokalviertel freilegen. Es ist die bedeutendste Entdeckung in der Stadt seit vor 50 Jahren die inzwischen berühmten Hanghäuser gefunden wurden.

Bei den diesjährigen Ausgrabungen in Ephesos in der Türkei haben Archäolog:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) ein hervorragend erhaltenes frühbyzantinisches Geschäfts- und Lokalviertel entdeckt. Das Areal wurde im Jahr 614/615 n. Chr. offenbar plötzlich zerstört. Der gesamte Hausrat in den Räumen wurde von einer mächtigen Brandschicht versiegelt und dadurch für die Nachwelt erhalten, was heute einzigartige Momentaufnahmen der damaligen Lebenswelt ermöglicht. Damit ist der Fund – wenn auch zeithistorisch völlig anders einzuordnen – vergleichbar mit der archäologischen Stätte von Pompeji.

Grabung am Domitiansplatz im Stadtzentrum

Der neu entdeckte Stadtteil liegt am Domitiansplatz, einer prominenten Platzanlage direkt anschließend an das politische Zentrum der römischen Stadt, der Oberen Agora. Die hier 2022 durchgeführten Grabungen sind Teil eines großen Forschungsprojekts, das sich  den Veränderungen der Stadt zwischen römischer Kaiserzeit und Spätantike widmet.

„Dass die ursprünglich große römische Platzanlage in der Spätantike durch Geschäfte und Werkstätten überbaut wurde, war zu erwarten. Völlig unerwartet war jedoch der Erhaltungszustand sowie der exakte Zerstörungszeitpunkt und die daraus ableitbaren Implikationen für die Stadtgeschichte“, sagt Sabine Ladstätter. Sie ist Direktorin des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW und leitet seit 2009 die Ausgrabungen in Ephesos.

Im Lagerraum lagen die Gegenstände übereinander, sodass Regalwände rekonstruiert werden können. Andere Gefäße waren in großen Schüsseln gelagert, wie zahlreiche kleine Krüge (© ÖAW-ÖAI/Niki Gail).

Amphoren mit Makrelen, Geschäftskassen mit Goldmünzen

Bislang wurde auf einer Fläche von rund 170 Quadratmetern eine kleinteilige Verbauung bestehend aus mehreren Geschäftslokalen freigelegt. Der gesamte Gebäudekomplex war bis in das Jahr 614/615 in voller Blüte, davon zeugen die dort gefundenen Münzen. Einzelne Räume dieses Viertels sind bis zu 3,4 Meter hoch erhalten und waren durch eine massive Zerstörungsschicht komplett versiegelt.

Unter den Schichten kam ein unglaublich reichhaltiges Inventar zum Vorschein. Gefunden wurde etwa unzähliges Geschirr, das in die Tausende geht, darunter im Ganzen erhaltene Schüsseln mit Resten von Meeresfrüchten wie Herzmuschel oder Austern oder Amphoren gefüllt mit eingesalzenen Makrelen. Daneben fanden sich auch Kerne von Pfirsichen, Mandeln und Oliven aber auch verkohlte Erbsen und Hülsenfrüchte. Besonders spektakulär sind vier zusammengehörige Goldmünzen (Solidi) sowie mehrere Geschäftskassen mit über 700 Kupfermünzen.

Bei den ausgegrabenen Räumen handelt es sich um eine Garküche, einen Lagerraum, eine Taberne, ein Geschäft für Lampen und christliche Pilgerandenken sowie eine Werkstätte mit angeschlossenem Verkaufsraum. Einzigartig ist der Fund von rund 600 kleinen Pilgerfläschchen, die christlichen Wallfahrern hier verkauft wurden und um den Hals getragen werden konnten.

„Dieser Fund in der Grabungsstätte von Ephesos ist spektakulär und in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug einzuschätzen. Hervorragend erhaltene Goldmünzen, Südfrüchte, Amphoren, ja ein ganzes Geschäftsviertel konnten die Archäologinnen und Archäologen der ÖAW freilegen. Die Auswertung der Fundstücke wird noch viele neue Erkenntnisse über die damalige Zeit und die Hintergründe der plötzlichen Zerstörung bringen. Die ganze Akademie freut sich mit Grabungsleiterin Sabine Ladstätter und ihrem Team”, sagt ÖAW-Präsident Heinz Faßmann.

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Troia, Schliemann und Tübingen

Im Jahr 2022 feiert das Museum im Schloss Hohentübingen seinen 25. Geburtstag. Anlässlich dieses Jubiläums und anlässlich des 200. Geburtstages von Heinrich Schliemann hat das MUT in enger Kooperation mit dem Tübinger Troia-Forschungsprojekt die Jubiläumsausstellung „Troia, Schliemann und Tübingen“ erarbeitet.

Zerstörung des Viertels und die Sasaniden

„Der archäologische Befund zeigt uns eine massive Brandzerstörung, die plötzlich, dramatisch und folgenschwer gewesen sein muss“, erklärt Sabine Ladstätter. „Den genauen Tag der Zerstörung wird man nicht mehr feststellen können, aber die Auswertung der vorgefundenen Früchte wird zumindest die Jahreszeit klären.“ War es ein Erdbeben? Darauf gibt es keinerlei Hinweise. Weder sind Mauern verschoben, noch Böden aufgewölbt. Es wurden auch keine menschlichen Überreste geborgen.

Es fanden sich aber etliche Pfeil- sowie Lanzenspitzen, die einen Hinweis auf eine kriegerische Auseinandersetzung liefern. Dazu passt, dass um dieselbe Zeit in der rund 100 Kilometer von Ephesos entfernten türkischen Stadt Sardis Münzfunde ebenfalls Zerstörungen belegen. Diese wurden bereits früher mit Einfällen der persischen Sasaniden ins westliche Kleinasien in Verbindung gebracht, was aber bisher in der Forschung umstritten ist.

Rätsel der Stadtgeschichte könnte gelöst sein

Die neuen Funde am Domitiansplatz könnten nun ein Rätsel der Stadtgeschichte von Ephesos lösen. Dazu Ladstätter: „Zwar konnte man bislang archäologisch beobachten, dass die Stadt im 7. Jahrhundert sprunghaft kleiner wurde und der Lebensstandard deutlich gesunken war, jedoch waren die Gründe dafür nicht klar.“ Auch der Münzumlauf brach stark ein und fiel auf ein deutlich niedrigeres Niveau als in den Jahrhunderten davor. „Man wird diese Zäsur in der Stadtgeschichte von Ephesos nun wohl mit den Sasanidenkriegen in Zusammenhang bringen müssen“, so die ÖAW-Archäologin.

Grabungsteam

Die Auswertung der Funde und Befunde erfolgt durch ein Team von Forschern der ÖAW um Sabine Ladstätter: Helmut Schwaiger (Archäologie), Alfred Galik (Archäozoologie), Andreas G. Heiss (Archäobotanik) und Nikolaus Schindel (Numismatik).

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Nach einer Pressemeldung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

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