Ägyptologin enthüllt die Geheimnisse Amenhoteps I. per CT

Der Schädel Amenhoteps I. innerhalb seiner Totenmaske in der CT-Ansicht.
Der Schädel Amenhoteps I. innerhalb seiner Totenmaske in der CT-Ansicht. Foto Sahar Saleem.

Die Geheimnisse Pharao Amenhoteps I. waren drei Jahrtausende lang unter Leinenschichten und einer verblüffend lebensechten Totenmaske verborgen. Dadurch handelte es sich bislang um die einzige der königlichen Mumien Ägyptens, deren Körper für die moderne Forschung nicht sichtbar war. Nun hat Sahar Saleem, Professorin der Universität Kairo, ihn virtuell ausgepackt und den Körper durch 3D-Computertomographie untersucht. Die führende Mumienforscherin und Vertreterin der „Paläoradiologie“ hat ihre Entdeckungen gemeinsam mit dem Ägyptologen Zahi Hawass in einem neuen Artikel in der Zeitschrift Frontiers in Medicine publiziert.

Innere Medizin trifft auf Ägyptologie

Saleem hat bereits mehr als 40 Pharaonen, darunter Ramses III. und Tutenchamun, sowie Hunderte weiterer Mumien mit dem CT gescannt oder geröntgt. Aber Amenhotep I. war einzigartig: „Von meinem Computer aus einen Blick auf das Gesicht von König Amenhotep I. zu werfen, als erster Mensch seit 3.000 Jahren, der sein Gesicht sieht, war wirklich ein Moment der Freude. Ich betrachtete es als einen Segen“, sagte sie in einem Interview mit Western News.

Die Mumie von Amenhotep I. wurde 1881 entdeckt, doch blieb ihr erspart, was allen anderen Pharaonen widerfuhr, die zur visuellen Untersuchung ausgepackt wurden. Die damaligen Beamten ließen die Überreste der Mumie unversehrt, weil sie die farbenprächtig bemalte Totenmaske des Königs und die roten, gelben und blauen Blumengirlanden, die seine Kleidung von Kopf bis Fuß bedeckten, nicht beschädigen wollten. So blieb Amenhotep I., der um 1500 v. Chr. für 20 Jahre regierte, eine der rätselhaftesten königlichen Mumien. Sein Aussehen, aber auch sein Alter, sein Gesundheitszustand, seine Todesursache und sogar seine Grabbeigaben waren unbekannt.

Saleem war 2004 mit einem Stipendium für Medizin und Pädagogik an die University of Western Ontario in Kanada gekommen, um sich dort in Neuroradiologie und medizinischer Bildgebung fortzubilden. Dort kam sie mit dem Anthropologieprofessor Andrew Nelson in Kontakt, der gerade eine ägyptische Mumie des Royal Ontario Museum scannte. Diese folgenschwere Begegnung führte sie zunächst in Nelsons Forschergruppe für Paläopathologie und nach ihrer Rückkehr nach Ägypten, wo sie mittlerweile Professorin für Radiologie an der Universität Kairo ist, auch in verschiedene Projekte am Ministerium für Altertümer. Dort verantwortete sie die CT-Scans an bisher 22 Königsmumien. Bei dem Verfahren wird das weiche Gewebe und die Knochen unter den Leinenbinden in ultradünnen virtuellen Schnitten durch den Körper sichtbar gemacht und das Bildmaterial schließlich zu einer dreidimensionalen Ansicht zusammengesetzt.

Begegnungen mit einem Pharao

Über Amenhotep I. ist nicht viel bekannt, obwohl er als Gott verehrt wurde und sein Tod einen Totenkult inspirierte. Ein Röntgenbild von Amenhotep I. aus dem Jahr 1932 deutete darauf hin, dass der Herrscher zwischen 40 und 50 Jahre alt war, als er starb. Andere Röntgenaufnahmen aus dem Jahr 1967 schätzten sein Alter auf etwa 25 Jahre. Saleems 3D-CT-Aufnahmen enthüllen die Geschichte des Pharaos weitaus genauer.

Nun lässt sich zeigen, dass er bei seinem Tod etwa 35 Jahre alt, ungefähr 1,70 Meter groß und von guter Gesundheit war. Er hatte noch alle seine Zähne, die in gutem Zustand waren, wenn auch mit einem leichten Überbiss. Sein Kinn war schmal, sein linkes Ohr hatte ein kleines Piercing und er trug lockiges Haar. Es gibt keine Hinweise auf Knochenerkrankungen oder Gelenkverschleiß und keine offensichtliche Todesursache durch Krankheit oder Verletzung. Sein Gehirn war bei der Einbalsamierung nicht entfernt worden, ebenso wenig wie sein Herz, das mit einem Amulett bedeckt war. Zudem trug er 30 Amulette oder Schmuckstücke.

Ebenso faszinierend für Saleem waren die Scans, die zum ersten Mal postmortale Verletzungen zeigten, die von Grabräubern zugefügt und 400 Jahre später von Priestern liebevoll repariert wurden. Die Räuber hatten Amenhoteps Kopf und Hals von seinem Körper getrennt, seinen linken Arm ausgekugelt und einige Finger abgetrennt. Sie hatten einige Amulette aus seiner Bauchdecke gestohlen, aber in ihrer offensichtlichen Eile einige andere übersehen. Noch bemerkenswerter, so Saleem, war die Sorgfalt, mit der die Priester-Balsamierer einige Jahrhunderte später die Mumie reparierten und die Würde des Königs wiederherstellten. Sie befestigten seinen Kopf mit harzbehandelten Leinenstreifen wieder am Körper, steckten seinen linken Arm wieder an die Schulter und ersetzten die gestohlenen Amulette, die Amenhotep I. im Jenseits Glück bringen sollten.

Die CT-Ansicht zeigt Amulette um Amenhoteps Unterleib.
Die CT-Ansicht zeigt Amulette um Amenhoteps Unterleib. Foto Sahar Saleem.

Saleems Ergebnisse sprechen gegen die Hypothese einiger Historiker, dass Priester, die in der Zeit der ägyptischen 21. Dynastie königliche Mumien umwickelten und neu bestatteten, im Interesse späterer Regierungen handelten oder sogar selbst einen Teil des Schatzes erbeutet haben könnten. „Sie beließen nicht nur die vorhandenen Amulette, sondern fügten noch weitere hinzu. Das spiegelt das noble Ziel der Priester wider, die sich liebevoll um die älteren Könige kümmerten“, erklärt sie.

Saleem hat gelernt, die Ergebnisse ihrer Scans mit anderen Dokumenten und Artefakten zu vergleichen, die Aufschluss über das Alte Ägypten geben. Manchmal hat das zur Enthüllung von 3.000 Jahre alten Tatorten geführt, zu komplexen Kriminalfällen, die eine Welt königlicher Intrigen offenbaren. In anderen Fällen, wie bei Amenhotep I., erweckt ihre Arbeit einen König zu neuem Leben, dessen Leben und Tod von Geheimnissen umhüllt war. So kommt es zu einer fruchtbaren Verbindung von altertumwissenschaftlichem Interesse und moderner Technologie. „Ob ich nun Mumien scanne oder fötale MRTs mache, ich setze moderne Technologie und Wissenschaft ein, um eine gute Tat für Patienten und für das Kulturerbe zu vollbringen.“

Nach Pressemeldung von Western News

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