Fischgräten deuten auf lockere Auslegung der Speisegebote in Judäa hin

Im antiken Judäa wurde häufig nicht koscherer Fisch gegessen. Dieser Befund wirft ein neues Licht auf den Ursprung der alttestamentlichen Speisegesetze, die noch heute von vielen Juden eingehalten werden. Zu diesen Regeln gehört das Verbot, jede Fischart zu essen, die keine Schuppen oder Flossen hat. Die neue Studie in der Fachzeitschrift Tel Aviv stellt eine Analyse von antiken Fischknochen aus 30 archäologischen Stätten in Israel und auf dem Sinai vor, die aus der mehr als 2.000-jährigen Spanne von der späten Bronzezeit (1550-1130 v. Chr.) bis zum Ende der byzantinischen Periode (640 n. Chr.) stammen.

Die Ergebnisse rufen laut den Autoren dazu auf, die Annahmen zu überdenken, dass lange eingehaltene Traditionen die Grundlage für die im Pentateuch, den ersten fünf Büchern der hebräischen Bibel, dargelegten Speisegesetze waren. „Das Verbot von flossen- und schuppenlosem Fisch wich von langjährigen jüdischen Ernährungsgewohnheiten ab“, sagt Yonatan Adler von der Universität Ariel. „Die biblischen Schreiber scheinen diese Nahrung verboten zu haben, obwohl nicht koschere Fische häufig auf dem Speiseplan der Judäer zu finden waren. Es gibt wenig Grund zu der Annahme, dass diesem Verbot ein altes und weit verbreitetes Ernährungstabu zugrunde lag“.

Das Alte Testament wurde zu verschiedenen Zeiten verfasst, beginnend in den Jahrhunderten vor der Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr. bis in die hellenistische Zeit (332–63 v. Chr.). Eine Reihe von Passagen, die zweimal wiederholt werden, verbietet den Verzehr bestimmter Fischarten. Im Buch Levitikus heißt es: „Alles, was im Wasser ist und keine Flossen und Schuppen hat, ist euch zuwider“, und im Deuteronomium heißt es: „… was keine Flossen und Schuppen hat, sollt ihr nicht essen; es ist euch unrein.“

In beiden folgen die Verweise unmittelbar auf ein Verbot von „unreinem“ Schwein, das in der Wissenschaft große Beachtung gefunden hat. Die Ursprünge und die frühe Geschichte des Verbots von Meeresfrüchten sind jedoch bisher nicht im Detail erforscht worden. Die Autoren dieser Studie haben sich zum Ziel gesetzt, herauszufinden, wann und wie das Fischverbot zum ersten Mal entstanden ist und ob ihm ein früheres Tabu vorausging, das vor der Redaktion der alttestamentlichen Passagen praktiziert wurde. Sie versuchten auch herauszufinden, in welchem Ausmaß die Regel befolgt wurde.

Adlers Co-Autor Omri Lernau von der Universität Haifa analysierte Tausende von Fischresten aus Dutzenden von Fundorten in der südlichen Levante. An vielen judäischen Stätten aus der Eisenzeit (1130–586 v. Chr.), darunter auch in der judäischen Hauptstadt Jerusalem, enthielten die Knochensammlungen signifikante Anteile an nicht koscheren Fischresten. Eine weitere wichtige Entdeckung war der Nachweis des nichtkoscheren Fischkonsums in Jerusalem während der persischen Ära (539–332 v. Chr.). Nicht-koschere Fischknochen waren in judäischen Siedlungen aus der römischen Ära und später meist nicht vorhanden. Die Autoren merken an, dass sporadische nichtkoschere Fischreste aus dieser späteren Zeit auf einen gewissen Grad der Nichtbefolgung unter den Judäern hinweisen könnten.

Die Autoren beabsichtigen nun, weitere Fische aus dieser Zeit zu analysieren, um festzustellen, wann die Judäer begannen, den Verzehr von schuppenlosem Fisch zu vermeiden und wie streng das Verbot eingehalten wurde.

Nach Pressemeldung der TAYLOR & FRANCIS GROUP bei Eurekalert.

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