How the Classics Made Shakespeare

Jonathan Bate

How the Classics Made Shakespeare

Jonathan Bates How the Classics Made Shakespeare, das auf der E.H. Gombrich-Vorlesungsreihe basiert, die der Autor im Jahre 2013 an der Universität London hielt, zeigt, wie sehr das Werk des Barden von der Antike und der Lektüre klassischer Autoren geprägt wurde. Der Einfluss der klassischen Antike auf Shakespeare ist dabei für Bate allumfassend. Sie stellt nicht nur ein Reservoir an vorbildhaften mythologischen Figuren bereit, auf die sich Shakespeare immer wieder bezieht, sie liefert auch Stoffe, die seine Dramen inspirieren. Vor allem aber bietet sie ein Reservoir an Techniken, die der Tradition der antiken Rhetorik entstammen und von Shakespeare literarisch anverwandelt werden: Persuasio, die Kunst der Überredung, die die Fähigkeit meint, einen Sachverhalt von mehreren Seiten aus zu betrachten und aus unterschiedlichen Perspektiven argumentativ vertreten zu können, prägt Shakespeares berühmte dramatische Methode, ein Thema zu perspektivieren, ohne sich dabei auf eine Seite zu schlagen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie Shakespeares Umgang mit der Antike sein Schreiben beeinflusst hat, nennt Bate resemblance by example und meint damit, dass sich Shakespeares Figuren in ihren Ausführungen auf antike Persönlichkeiten, Helden oder Götter berufen und sich mit diesen implizit oder explizit vergleichen, um Autorität oder Glaubwürdigkeit zu erlangen. An beiden Beispielen erweist sich, wie sehr Shakespeares Antikenrezeption das Wesen seines dramatischen Schaffens beeinflusst hat.

Zu den antiken Autoren, die für Shakespeare bedeutsam sind, zählen Plautus, Cicero, Vergil, Horaz, Seneca, v.a. aber Ovid. An Ovid, das zeigt Bate, faszinierte Shakespeare nicht nur die Wandelbarkeit des menschlichen Geistes, sondern auch die Erotik einer Liebeslyrik, die innerhalb des protestanisch-puritanischen Mehrheitsdiskurses kaum artikulierbar war und durch ihre Subversivität erstaunt. Zu den Höhepunkten von Shakespeares Ovid-Rezeption gehört Venus and Adonis, eine Verserzählung, die er zu einer Zeit schrieb, als die Theater geschlossen waren, und die zu seinen populärsten Texten gehört. Und auch in den Komödien und Romanzen ist es immer wieder Ovid, auf den Shakespeare rekurriert. Dabei unterscheidet Bate zwischen dem Ovid der Metaphormosen, der als Stoffreservoir und stilistisches Vorbild sowie als Leitstern für die Bedeutung der Liebe gelten kann, und dem Ovid der Heroides, in dessen Zentrum die Frauenklage steht und aus denen Shakespeare nach Bate etwas lernt, was wir heute noch als Theaterinteressierte insbesondere an seinen Komödien bewundern: die psychologisch komplexe Darstellung weiblicher Protagonistinnen. Am Beispiel der antiken Hintergründe einer dramaturgischen Innovation im Werk Shakespeares, die den Barden aus Stratford heute so modern wirken lässt, zeigt Bate so in beeindruckender Weise, wie sehr seine Aktualität mit seiner Antikenrezeption verschränkt ist.

Von besonderer Bedeutung für die Elizabethaner waren Vergil und die Aeneas. In ihr verbanden sich die Entwicklung eines vorbildhaften Individuums mit der Gründung eines Staates, in dessen Tradition sich auch das England der Tudors sah. Bate betont richtigerweise, dass Vergil für Shakespeare trotz einiger expliziter Anspielungen auf die Aeneas nie der entscheidende Bezugspunkt gewesen sei. Stattdessen habe sich Shakespeare vom heroischen Idiom Vergils distanziert und sich stattdessen immer wieder auf Ovid berufen. Seine Geschichte der Gründung Roms in The Rape of Lucrece setzt beispielsweise nicht auf die Heldentaten des Veterans des trojanischen Krieges, sondern sieht am Beginn der Gründung Roms die Vergewaltigung einer Frau. Bates erhellende Pointe hier ist, dass Shakespeares Entwicklung zum Klassiker ihren Ausgang von der kritischen Distanz nahm, die er selbst zum antiken Klassiker seiner Zeit einnahm.

Dass auch Laien von der Lektüre dieses Buches profitieren können, hat mit Darstellung und Aufbau des Textes zu tun. Bate kann komplexe Zusammenhänge in einer luziden Wissenschaftsprosa präsentieren und seinen Text schlüssig und spannend aufbauen. Der Band ist nicht nach Autoren gegliedert, – wer so etwas erwartet, ist mit Colin Burrows Shakespeare and Classical Antiquity (2013) besser bedient; How the Classics Made Shakespeare folgt auch keiner thematischen Logik, – Leser, die so etwas bevorzugen, sei Charles und Michelle Martindales Shakespeare and the Uses of Antiquity: An Introductory Essay (1990) ans Herz gelegt. Der Aufbau des Texts ist vielmehr an kulturwissenschaftlichen Themen, wie Gender und der ideologischen Konstruktion eines Gemeinwesens ausgerichtet und verhandelt die Rezeption der Antike von dieser Warte aus. Weil Jonathan Bate über das hierzu notwendige, fast schon enzyklopädische Wissen verfügt und es in allgemeinverständlicher Form zu vermitteln weiß, ist How the Classics Made Shakespeare ein beeindruckendes Werk geworden, das nachdrücklich zur Lektüre empfohlen sei.

Von StD Dr. Martin Genetsch, Trier

Buchdetails:

J. BATE, How the Classics Made Shakespeare, 384 S., 13,97 x 21,59 cm, geb., £ 22,00 / $ 24,95. Princeton University Press, Princeton 2019.


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