Eurydice

E. DONNELLY CARNEY

Eurydice and the Birth of Macedonian Power

Die Frau in der Antike hat in den Altertumsforschungen in den letzten Jahrzehnten verstärktes Interesse erfahren. Allerdings war sie stets mit der Problematik verbunden, dass die erhaltenen Quellen von fast ausschließlich männlichen Autoren stammen. Diese einseitige Perspektive tradierte lediglich das Frauenbild des jeweiligen Autors und gerade in den schriftlichen Berichten der griechischen und römischen Zeit lassen sich hieraus zwei Idealtypen herauskristallisieren: Entweder wurden weibliche Gestalten mit einem äußerst skandalösen Verhalten dargestellt, wie Kleopatra mit ihren zahlreichen Affären, oder als besonders tugendhaft gezeichnet wie beispielsweise Kaiserin Livia. Auch Eurydike kann eines dieser Schemen zugeordnet werden. In ihrem Fall stellt eine antike Quelle sie als mörderische Ehebrecherin dar, die bereit ist, sowohl ihren Ehemann als auch ihre drei Söhne um ihren Geliebten willen, der gleichzeitig ihr Schwiegersohn ist, zu opfern.

Dass diese Bilder nicht der Realität entsprechen müssen und letztlich geformte Stereotypen sind, ist in der Forschung herausgestellt worden. Gleichzeitig drängten sich in diesem Zusammenhang weiterführende Fragen auf wie zum Beispiel: Welche wahren Rollen konnten Frauen einnehmen? Welche Funktionen konnten auf sie zukommen oder welche Handlungsspielräume standen ihnen offen?

Alles Fragen, die auch Elizabeth Carney in ihrem Buch umtreiben. Sie beschäftigt sich seit Beginn ihrer Karriere unter anderem mit dem antiken Makedonien. Als ausgewiesene Koryphäe liegt einer ihrer Forschungsschwerpunkte bei den makedonischen Frauen. Mit Eurydike (ca. 410−340 v. Chr.) widmet sich die Autorin der zweiten monographischen Darstellung (nach Olympias, 2006) einer herrschaftlichen Frau. Bei ihren Betrachtungen fokussiert sie sich grob auf die Rolle und Funktion als Ehefrau und Mutter von Nachfolgern sowie ihr Engagement als Vertreterin der Dynastie in der Repräsentation. Dabei stützt sie sich auf antike archäologische Materialien und Schriftquellen. 

Bei ihren Ausführungen fällt auf, dass Eurydike zu einem kritischen Zeitpunkt, der die Existenz der Dynastie bedrohte, eine Schlüsselrolle zukam: Als ihr Ehemann verstarb, ihr ältester Sohn ermordet und ihre zwei weiteren Söhne noch unmündig waren, geriet das Herrscherhaus in eine Krise. In Zeiten der Thronvakanz setzte Eurydike ihr alle verfügbaren Ressourcen ein, um ihre Linie zu verteidigen. Ihr aktives Handeln führte dazu, dass ihre Söhne die Chance erhielten, die Nachfolge anzutreten – mit der Thronbesteigung ihres jüngsten Sohns Philipp II. stieg das makedonische Reich zur stärksten Macht im östlichen Mittelmeerraum auf, ihr Enkel Alexander III. (der Große) dehnte sie sogar über die griechischen Grenzen hinaus. 

Es wird deutlich, dass sie neben der klassischen Rolle und Funktion als Ehefrau und Mutter ihren Handlungsspielraum erweitern und auf der politischen Ebene wirken konnte; dieses Recht war in der Antike ausschließlich Männern vorbehalten. Allein das ist bereits außergewöhnlich, hinzukommt auch die Tatsache, dass die negative Beurteilung ihres politischen Handelns in den Quellen ausblieb. 

Nachdem Eurydike die Nachfolge gesichert hatte, trat sie später nicht mehr als Regentin in Erscheinung, blieb aber in der Herrschaftszeit ihrer Söhne in der Repräsentationspolitik aktiv wie Elizabeth Carney herausstellt. Mit ihrem Eintreten entwickelte sich ein eigenes öffentliches Profil für künftige herrschaftliche Frauen, welches ihre Handlungsspielräume maßgeblich erweiterte. 

von Özlem Kurban M.A., Marburg

Buchdetails:

E. DONNELLY CARNEY, Eurydice and the Birth of Macedonian Power, 168 S., 23,5 x 15,6, geb, £ 41,99. Oxford University Press, Oxford 2019.  


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